Georg Gotthart in Frakturschrift

«Troia» (1598/99)

Zum Inhalt

Das Spiel hat das Geschehen der Ilias zum Inhalt, das Gotthart in Form einer deutschen Prosaversion vorlag (Tatius Alpinus).
Das Spiel beginnt nach mehreren Vorreden/Argumenten (es enthält auch Narrenszenen) mit Prophezeihungen, die dem König Troias, Priamos, den Untergang der Stadt voraussagen, wenn er das erwartete Kind nach der Geburt nicht töten lasse. Hecuba, seine Frau, kann sich diesem Gebot mit einer List entziehen; der Sohn Alexander/Paris wird von einem Hirtenpaar aufgezogen. Noch als Hirte fällt er das ‹Parisurteil› zu Gunsten der Liebesgöttin Venus. Kurz nach dieser Szene ist ein Hirtenspiel eingeschoben (kommentiert unter ‣ Projekte verfügbar), in dem zwei Hirten im Rahmen einer mit anderen Hirten gestellten Gerichtssituation (Spiel im Spiel) um den rechtmässigen Besitz eines Hirtenstabs streiten. Als Erwachsener kehrt Paris an den Hof zurück. Er setzt sich gegen Geschwister und Vater durch und ‹raubt› den Griechen Helena, die ihm von Venus versprochen worden war, und ihm freiwillig folgt. Die Rückeroberung durch die Griechen mündet trotz deren Bemühungen um eine friedliche Lösung schliesslich in einem Belagerungskrieg, aus dem die Griechen siegreich hervorgehen, Troia wird zerstört.
Die Sympathien – wie sie auch aus den Vor- und Nachreden hervorgehen – liegen in diesem Spiel eindeutig bei den Griechen, die sich immer wieder in Räten versammeln, um das weitere Vorgehen zu beschliessen. Parallelen zur politischen Struktur und den Ämtern Solothurns sind nicht zu verkennen. Demgegenüber steht der Monarch Priamos, der sich, gestützt lediglich auf einen schwachen Rat, gegen seinen Sohn nicht durchzusetzen weiss.

Zur Aufführung

Die Aufführung des zweitägigen Spiels erfolgte am 21. und 22. September 1598 (Sonntag und Montag, Feiertag des Evangelisten Matthäus) in Solothurn, es spielten gegen 130 Spieler in über 180 Rollen mit. Der Rat Solothurns liess im Vorfeld abklären, ob er sich die Aufführung überhaupt leisten konnte, und traf vor der Aufführung Vorkehrungen für die zu erwartenden Ehrengäste.

 

Holzschnitt Einzug des Troianischen Pferdes

Abbildung aus ‹Troia›: Einzug des Troianischen Pferdes [Troia, g5b]

 

Druckbeschreibung

Achtung: Sonderzeichen werden auf diesen HTML-Seiten nicht berücksichtigt und Kürzel aufgelöst, man beachte deshalb die Abbildung des Titelblattes (s. u.) und die Druckbeschreibung zum Download unter ‣ Georg-Gotthart-Bibliografie.

Die vorliegende Beschreibung orientiert sich an den Vorgaben von:
Weismann, Christoph: Die Beschreibung und Verzeichnung alter Drucke. Ein Beitrag zur Bibliographie von Druckschriften des 16. bis 18. Jahrhunderts. In: Flugschriften als Massenmedium der Reformationszeit. Beiträge zum Tübinger Symposion 1980. Hg.: Köhler, Hans-Joachim. Stuttgart 1981 (=Spätmittelalter und Frühe Neuzeit. Tübinger Beiträge zur Geschichtsforschung, 13).

Gotthart, Georg: Ein schön lustiges Spil oder Tragedi von Zerstörung der grossen und vesten königlichen Statt Troia oder Ilio. Freiburg (Schweiz): Wilhelm Mäss, 1599.

[Rot:] Ein schœn lustiges Spil oder || [schwarz:] Tragedi: || [rot:] Von Zerstœrung der grossen || [schwarz:] vnd vesten kœniglichen Statt || Troia oder Jlio. || Durch || [rot:] Georg Gotthart Burgern vnnd || Jsenkræmern zu Solothurn componiert, vñ || [schwarz:] in Reymen gestellt: Durch ein Ersame Burgerschafft || zu Solothurn den 20. vnd 21. Tag Septemb. deß || 1598. Jahrs gespilt vnd agiert || worden. || Wo dWeyßheit / dKunst / dMannheit nit brist/ || Zum Sig ein gute hoffnung ist. || [HSchn.: Trojanisches Pferd] || Torheit vnd Pracht / der Ehrgeitz hat / || Zerstœrt Troiam die mechtig Statt. || [rot:] Getruckt zu Fryburg in Vchtlandt / bey M. Will= || 15 [schwarz:] helmo Mæss. [rot:] 99.

8°. 256 Bl. (Titelrückseite A1b und letzte Seite i8b leer), unpag.; Sign.: A8–Z8, a8–i8 (o. F.; gedruckt sind jeweils nur die Signaturen 1–5, dabei nur 2–5 mit Zahlen, also «B», «B2» usw., ab «A2»), Seitenkustoden, Drucktypen: Fraktur, vereinzelt Antiqua (Latinismen und «ACTVS»-Überschriften), Rotdruck nur auf Titelseite. Titelholzschnitt: Trojanisches Pferd, weitere Abbildungen: A6b Vignette mit Kinderkopf, B3b Zierstück, a2b Zweikampf Paris und Menelaus, g5b Troianisches Pferd vor Stadttor, i8a Zierstück (wie B3b).
A2a–A6b Vorrede von Georg Gotthart (undat.), A7a–B1b Darstellerverzeichnis, B2a–B3b Narrenrede, B4a–C4b Spielbeginn Herold, dann Argumentator, C4b erster Akt, O2a Herold, dann Narr, O3a Epilog zum ersten Tag, O7a Beginn zweiter Tag mit Prologus, P1a Argumentator, P6a erster Akt, R2b Narrenkommentar, S3a Narrenkommentar, T1a Narrenkommentar, i4b Epilog zum zweiten Tag.
Einteilung des Spiels: Erster Tag: Akte 1–9, zweiter Tag: Akte 1–12.

‣‣ VD 16 G 2696

Exemplare (vgl. Karte mit Standorten unten)

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Literatur

‣ Georg-Gotthart-Bibliografie
Vollständige Georg-Gotthart-Gotthart-Bibliografie, Druckbeschreibungen und Exemplarnachweise.

Weiteres

‣ Fotografie der Titelseite (Zürcher Exemplar).

‣ Projekte
Als Appetitanreger wird bei den Projektvorstellungen eine Transkriptionsprobe aus ‹Troia› zum Download angeboten: das Hirtenspiel.

Petra Fochler hat als erste auf die Dictys-Übertragung des Tatius Alpinus hingewiesen, die sie als Textvorlage für ‹Troia› ausmachen konnte:
Fochler, Petra: Fiktion als Historie. Der Trojanische Krieg in der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts. Diss. Würzburg 1989. Wiesbaden 1990 (=Wissensliteratur im Mittelalter. Schriften des Sonderforschungsbereichs 226 Würzburg/Eichstätt, 4, S. 153 (Anm. 49).

Karte mit den Exemplar-Standorten ‹Troia›

(‣ zur Karte mit den Standorten aller Gotthart-Exemplare)

 

Karte Standorte Troia

Hintergrund: ‣‣ Europa-Karte von Wikimedia Commons.

Exkurse zur Aktualität des Stoffes: Ausgewählte Perlen


 

Ralf Junghanns
27.07.2016

Zierstück